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SYMPOSIUM - 11. Plenum des ZK der SED: Strafgericht über die volkseigene Moderne in Film und Literatur der DDR


570 Minuten
FSK: ab 0

Programm:
10:00 Begrüßung

Maik Reichel (Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt)

Michaela Klingberg (Kulturforum Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Einführung Paul Werner Wagner

10.15 Dr. Rainer Karlsch (Wirtschaftshistoriker)

Zwei Gesichter des 11. Plenums: Empfindliche Niederlage und Teilsieg der reformerischen Kräfte

Das 11. Plenum war als Wirtschaftsplenum geplant, auf dem entsprechend der Vorgaben von Ulbricht und seinen Wirtschaftsreformern weitere Schritte zur Dekonzentration der Wirtschaftsmacht («2. Etappe des neuen ökonomischen Systems») beschlossen werden sollten. Von denjenigen Teilen der SED-Führung (Gruppe um Honecker), die in den Reformen eine Schwächung der Macht der Partei sahen, wurde die mit der ersten Etappe des NÖS (1963-1965) einhergehenden Liberalisierungstendenzen u.a. im Umgang mit der Jugend, zum Anlass genommen, um Ulbrichts Gesellschafts- und Wirtschaftsreformpolitik anzugreifen. Die Gruppe um Honecker verbuchte auf dem 11. Plenum einen Sieg im Bereich der Kultur und eine Niederlage im Bereich der Ökonomie. Die «2. Etappe des NÖS» wurde ohne Abstriche eingeführt, deren öffentliche Diskussion allerdings auf die Wirtschaftswissenschaften selbst beschränkt. Das 11. Plenum war nicht der Anfang vom Ende der Wirtschaftsreform. Für den Sturz Ulbrichts und die Beendigung der Reform benutzt wurden die Prager Ereignisse 1968 und die Überbeanspruchung von Wirtschaft und Gesellschaft in der dritten Etappe der Wirtschaftsreform (1968-1970).

10.45 Dr. Andreas Kötzing(Historiker, Hannah-Ahrend-Institut Dresden)

Alles schon gesagt? - Neue Perspektiven auf das 11. Plenum und seine Bedeutung für die DDR-Geschichte

Kaum ein Ereignis in der DDR-Kulturgeschichte wurde so intensiv untersucht wie das Kahlschlag-Plenum. Dennoch gibt es wichtige Bereiche, die eine Neubetrachtung lohnenswert machen. Regionale Quellen zeigen u.a., dass die künstlerische "Aufbruchsstimmung", die häufig mit der Zeit vor dem 11. Plenum assoziiert wird, sehr unterschiedlich ausgeprägt war.

Auch die "Umsetzung" des Plenums erfolgte nicht in allen Kultureinrichtungen mit der gleichen Konsequenz. Offen ist die Frage, an welche realpolitischen Grenzen die SED-Führung mit ihrem Herrschaftsanspruch stieß. Sowohl in der Kultur- als auch in der Jugendpolitik deutet vieles darauf hin, dass das 11. Plenum nicht zu den gewünschten Veränderungen führte, sondern vor allem ungelöste Konflikte hinterließ. Auch die Vorgeschichte des Plenums muss differenzierter betrachtet werden: Neu aufgefundene Dokumente belegen u.a., dass der sowjetische Einfluss auf den "Kahlschlag" größer war als bislang angenommen.

11.15Kaffeepause

11.45 Prof. Dr. Carsten Gansel(Literaturwissenschaftler - Justus-Liebig-Universität Gießen)

"aber schreiben kann man dann nicht" (C. Wolf, Rede auf dem 11. Plenum 1965)

- Literatur als Sündenbock für eine verfehlte Gesellschaftspolitik oder Über die Auswirkungen politischer Eingriffe in künstlerische Prozesse

Künstler und Wissenschaftler wie Werner Bräunig, Stefan Heym, Wolf Biermann oder Robert Havemann u.v.a, die sich in den frühen sechziger Jahren mit widerständigen Texten zu Wort gemeldet hatten, wurden in einer Art Scherbengericht als "ständig negative Kritiker in der DDR" gebrandmarkt. Ermutigt von Konrad Wolf und dem Schriftstellerehepaar Jeanne und Kurt Stern opponierte Christa Wolf in einem durch Zwischenrufe aus dem Präsidium mehrfach unterbrochenen Diskussionsbeitrag gegen offiziell vorgenommene Bewertungen von Künstlern und Kunstwerken, deren Widerspruchsverständnis als pessimistisch beziehungsweise "skeptizistisch" interpretiert worden waren, wie beispielsweise Heiner Müllers Stück "Der Bau" oder Werner Bräunigs Wismut Roman "Rummelplatz".

In ihrer emotional aufgeladenen Rede argumentierte sie gegen das mit abgelebten ästhetischen Modellen operierende Ansinnen dogmatischer Kulturfunktionäre, nach dem Kunst in Ideologie aufzugehen habe und betonte dagegen die Entdeckerfunktion von Kunst. Mit dem Abstand der Jahre kann der damalige kulturpolitische Kahlschlag neu betrachtet werden. Das Plenum als Höhepunkt einer rigiden Kunstpolitik der SED bildet zugleich einen deutlichen Wendepunkt im literarischen Leben des Landes. In den Folgejahren entstandene Stücke wie Heiner Müllers "Philoktet" oder "Germania Tod in Berlin"(1956/71), Volker Brauns "Hans Faust" (1968), Prosa wie Christa Wolfs "Juninachmittag" (1967) und "Nachdenken über Christa T." (1968), Fritz Rudolf Fries "Der Weg nach Obliadooh" (1966), Jurek Beckers "Jacob der Lügner" (1968), Günter den Bruyns "Buridans Esel" (1968) oder Stefan Heyms "Lassalle" (1969) und "Der König David Bericht" (1972). Diese sowie zahlreiche andere Texte markieren den Aufbruch aus der Jahre zuvor noch akzeptierten und teilweise auch selbst verordneten Unmündigkeit.

12.15 Diskussionsrunde mit den Referenten

13.00 Mittagspause

14.00 PODIUM

Fünfundfünfzig Jahre nach dem 11.Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 scheint die Erinnerung an den kulturellen «Kahlschlag», den dieses Ereignis einst für die DDR bedeutete, angesichts des Endes dieser Gesellschaft im Jahre 1990 und wenig später des gesamten sozialistischen Weltsystems, allenfalls von marginaler Bedeutung – und wenn überhaupt – am ehesten noch als Gegenstand zeitgeschichtlicher Forschungen zu taugen. Dennoch, statt eines Nachrufs: «...der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben worden ist." (Heiner Müller im Gespräch mit Wolfgang Heise 1986).

Gesprächspartner: Volker Braun, Hans-Eckardt Wenzel, Daniela Dahn und Dr. Gunnar Decker

Moderation: Ulrike Hempel und Paul Werner Wagner

Pause

16.30 KARLA (DEFA 1966/1990; s/w, 123 min)

Regie: Herrmann Zschoche, Drehbuch: Ulrich Plenzdorf, Kamera: Günter Ost, Darsteller: Jutta Hoffmann, Jürgen Hentsch, Hans Hardt-Hardtloff, Inge Keller, Rolf Hoppe, Herwart Grosse, Dieter Wien, Jörg Knochée

Der DEFA-Film "Karla" ist einer der schönsten, menschlich berührendsten Verbotsfilme: die Geschichte einer jungen Lehrerin, die nach dem Studium an eine Oberschule im Norden des Landes kommt. Auf der Hochschule hatte sie Anfang der sechziger Jahre Vokabeln wie "eigene Meinung", "Meinungsstreit" gehört und auch, dass die Jugend der "Hausherr von morgen" sei. Nun versucht sie, die Schüler ernst zu nehmen und in einer Atmosphäre gegenseitiger Kritik und gegenseitigen Respekts zu ermutigen, selbstständige Menschen zu werden. Sie findet Freunde und Feinde, und sie findet auch einen Mann, der, ehemals Journalist, über Stalins Verbrechen schreiben wollte und sollte und dann doch nicht durfte und der sich seitdem verweigert und im Sägewerk arbeitet. Er sagt ihr, dass das, was sie will, nicht gut gehen wird. Und obwohl er recht behält, ist es doch sie, die ihn wieder lebendig macht, so dass er ihr, als sie strafversetzt wird, folgt.

Eine Zeitungsreportage in der Zeitschrift "Das Forum" lieferte die Idee zum Film "Karla". Der Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf, selbst mit einer Pädagogin verheiratet war, entwickelte daraus die Geschichte einer jungen Lehrerin, die nach dem Studium an eine Oberschule im Norden des Landes kommt.

Auf der Hochschule hatte sie Mitte der sechziger Jahre die Aufbruchsstimmung durch die neue Jugendpolitik der DDR vermittelt bekommen, nach der die Jugend der "Hausherr von morgen" sei. Karla nimmt ihre Schüler ernst und ermutigt sie zu kritischem und selbstständigem Denken. Sie findet in dem ehemaligen Journalisten Kaspar einen Mann, der sich aus politischen Gründen verweigert und lieber im Sägewerk arbeitet. Kaspar sagt ihr, dass das, was Karla will, nicht gut gehen wird. Und obwohl er recht behält, ist es doch sie, die ihn wieder lebendig macht, so dass er ihr, als sie strafversetzt wird, folgt.

"Das Erlebnis dieses Films ist Jutta Hoffmann als Karla. Sie strahlt eine reine, kristallklare menschliche Kraft aus, Glauben an die Möglichkeit, aufrecht, nicht anpasserisch durchs Leben zu gehen, Vertrauen in die jungen Leute. Man konnte und kann diesen Film nicht anders als mit großer innerer Bewegung sehen. Herrmann Zschoche bezeichnet die Figur zu Recht als eine Heilige Johanna. Er führte Jutta Hoffmann, mit der er damals verheiratet war, so, dass sie einerseits streng und stark wirkt, keine Feder im Wind, sondern ein junges Mädchen mit Charakter. Zugleich gibt es viele intime, spontane kleine Reaktionen in Sprache und Gestus, durch die man das Gefühl einer Begegnung mit einem Zauberwesen hat. Das Anrührende dieser Figur geht über spezifische DDR-Erfahrungen hinaus. Bei der Aufführung des Films im Forum 1990 wurde von Diskussionsteilnehmern aus dem Westen immer wieder geäußert, dass sie ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in Karlas Schicksal wiederfänden. " (Erika Richter)

Das Aus für den Film kam während der ersten Synchrontage. Hier einige Vokabeln aus dem Antrag auf "Ausbuchung", der am 4. März 1966 vom neuen Studiodirektor Franz Bruk an den neuen Filmminister Dr. Wilfried Maaß gestellt wurde: pessimistische und skeptizistische Grundhaltung, verbunden mit einer teilweise falschen Geschichtsbetrachtung; die Hauptfigur kämpfe unablässig um Ehrlichkeit und Wahrheit und käme damit im Widerspruch zu den Vertretern der Staatsmacht; künstlicher Widerspruch zwischen Ideal und vollkommener Wirklichkeit; Grundprinzipien des sozialistischen Realismus aufgegeben, Position der Parteilichkeit verlassen.

Der DEFA-Film "Karla" ist der wohl schönste und menschlich berührendste Verbotsfilm des 11. Plenums.

Gesprächspartnerin: Jutta Hoffmann

Einführung und Moderation: Paul Werner Wagner

Ende des Symposiums gegen 19.30

Eine Gemeinschaftsveranstaltung von Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und Rosa-Luxemburg-Stiftung (Kulturforum Berlin).

 

In unserem Kino am:

01.10. um 10:00 Uhr






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